Mit Transparenten und Flyern protestierte Antifa Brixen am letzten Tag des Water Light Festival am Brixner Domplatz gegen die widersprüchliche Friedensrhetorik des Festivals. Die Aktivist:innen kritisieren, dass unter dem Motto „Imagine Peace“ globale Kriege und Militarisierung ästhetisch überblendet werden, während wirtschaftliche und technologische Verbindungen Südtirols zur internationalen Rüstungsindustrie ausgeblendet bleiben. Am letzten Tag des Water Light Festival machte die Antifaschistische Aktion Brixen (161_brx/brs) mit einer Aktion am Brixner Domplatz auf die Verbindungen Südtirols zur internationalen Rüstungsindustrie aufmerksam. An Gerüsten am Brixner Dom wurden Transparente mit den Aufschriften „Und wo ist der Frieden?“ und „Ma dov’è la pace?“ angebracht. Zusätzlich befestigten die Aktivist:innen Flyer an einer zentralen Installation des Festivals auf dem Domplatz.
Antifa Brixen ist eine offene Gruppe von Menschen aus Brixen, die gesellschaftliche und politische Entwicklungen kritisch beobachten und hinterfragen. Die Gruppe beschreibt Antifaschismus als Haltung für Inklusion, Anti-Autoritarismus und gegen menschenfeindliche Ideologien.
„Die Kriege in Gaza, im Iran und in vielen anderen Teilen der Welt sind Ausdruck imperialistischer Machtpolitik“, heißt es auf den Flyern der Gruppe. „Staaten wie die USA, Israel, Russland und ihre jeweiligen Verbündeten sichern ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen militärisch ab, während weltweit massiv aufgerüstet wird.“ Die Folgen dieser Politik zeigen sich seit Jahren in Ukraine, Afghanistan, Irak, Libyen und Syrien und aktuell besonders drastisch im Krieg gegen die palästinensische Bevölkerung in Gaza mit zehntausenden zivilen Opfern, Vertreibung und Zerstörung.
Südtiroler Verflechtungen Auf den Flyern verweist die Gruppe insbesondere auf die Verbindungen Südtiroler Unternehmen und Institutionen zur internationalen Rüstungsindustrie. Genannt wird dabei der italienische Rüstungskonzern Leonardo S.p.A., der Waffen und Militärtechnologien nach Israel exportiert und zugleich wirtschaftlich mit Südtirol verflochten ist. Leonardo hält Anteile am Südtiroler Drohnenunternehmen Flying Basket und übernahm zuletzt Iveco Defence Vehicles, dessen militärische Fahrzeuge und Komponenten auch in Bozen produziert werden. Kritisiert wird außerdem das Bozner Logistikunternehmen FERCAM, das bereits 2018 ein Joint Venture mit einem israelischen Technologieunternehmen gegründet hatte. Ebenso thematisiert die Gruppe die Rolle von Eurac Research, einem Hauptpartner des Festivals. Die Eurac stellt ihre Infrastruktur — etwa den TerraXCube — dem Rüstungsunternehmen Iveco Defence Vehicles zur Verfügung.
„Frieden lässt sich nicht einfach imaginieren“, schreibt die Gruppe abschließend. Wer über Frieden sprechen will, muss auch über Waffenproduktion, Militarisierung und die eigene Beteiligung an globalen Gewaltverhältnissen sprechen.
Eine Schule nur für „einheimische Kinder“, Rechtsextreme im Kindergarten
Der Text wurde am 23.5.2026 überarbeitet.
Darum gehts: Die Waldschule Mauls bei Sterzing warb offen rassistisch für „einheimische Kinder“. Der Rechtsextremist und JWA-Mitarbeiter Raphael Mayrhofer hatte die Webseite für die Schule erstellt. Im Waldkindergarten in Kematen ist Eva Hofer, Sprecherin der rechtsextremen Gruppe „Junge Aktion“, pädagogische Mitarbeiterin. Beide Einrichtungen gehören (bzw. gehörten: die Schule ist mittlerweile geschlossen) zur Organisation Faunus. Wir fordern: Rassismus raus aus unseren Schulen und Kindergärten!
In breve: La Waldschule Mauls nei pressi di Vipiteno pubblicizzava con toni razzisti l’ammissione ai «bambini autoctoni». Raphael Mayrhofer, estremista di destra e collaboratore della JWA, aveva creato il sito web per la scuola. All’asilo nel bosco di Kematen, Eva Hofer, portavoce del gruppo di estrema destra «Junge Aktion», lavora come educatrice. Entrambe le strutture fanno (o facevano: la scuola è stata nel frattempo chiusa) parte dell’organizzazione Faunus. Chiediamo: via il razzismo dalle nostre scuole e dai nostri asili!
Waldschule Mauls (2020-2025) der Genossenschaft Faunus: naturpädagogische Angebote im Wipp- und Pustertal / Bild: instagram/faunus
2020 wird im alten „Seeberhof“ in Mauls bei Sterzing die „Waldschule Mauls“ eröffnet. Vom regulären Schulbetrieb abgemeldet, sollen Kinder dort nach naturpädagogischen Grundstätzen gefördert werden.
Nachdem die Schule in finanzielle Schwierigkeiten geriet, wurde sie Teil der Organisation „Faunus“, die „Waldkindergärten“ in Brixen, Sterzing und Kematen im Ahrntal betreibt.
Schule nur für „Einheimische“?
2024 geht eine neue Webseite der Waldschule online. Dort ist zu lesen: „Wir, die Waldschule Mauls, sind der Lernort für einheimische Kinder von fünf bis zehn Jahren.“ Der Werbeauftritt im Internet ist nur auf deutsch gehalten, Informationen in Italienisch gibt es nicht.
An einer anderen Stelle der Webseite heißt es: „Wir haben uns bewusst für eine kleine Gruppe einheimischer Kinder entschieden, die wir mit einem hohen Betreuungsschlüssel optimal begleiten können.“
Man zeigt sich offen rassistisch: Kinder, die nicht als „südtirolerisch“ gelten, sind offenbar unerwünscht. Interessierte können sich via „E-Post“ an die Schule wenden.
Schule nur für „Einheimische“: offener Rassismus / Bild: waldschule.org
Ein Rechtsextremer arbeitet mit
Erstellt hat die Webseite der Waldschule Mauls Raphael Mayrhofer aus Brixen. Er ist Mitglied im Verein und tritt in dieser Zeit als Sprecher der Schule auf, nimmt Anrufe von Interessierten entgegen, organisiert eine Feier.
Mayrhofer ist politisch kein Unbekannter: Als Franktionsmitarbeiter des Landtagsabgeordneten Jürgen Wirth-Anderlan ist er seit einigen Jahren für dessen politischen Kurs mitverantwortlich. Ideologisch gilt Mayrhofer als völkischer Nationalist und Rechtsextremist. Er ist mit der osttiroler Neonaziszene vernetzt ebenso wie mit italienischen Neofaschisten.
Raphael Mayrhofer (Mitte) bei einem rechtsextremen Vernetzungstreffen in Mailand 2025 / Bild: flickr/theo.winkler
Erziehung als politisches Projekt
Das Thema Kinder treibt Mayrhofer schon lange um. Er spricht von „Überfremdung“, „Massenmigration“ und „Vermischung der Völker“, und unterstützt lautstark neofaschistische Deportationspläne. Auf Social Media fordert er ein „Bekenntnis zu Volkserhalt, Rasse und biologischer Weltanschauung“. „Alles ist politisch“, schreibt er am 30. April 2025: „Freizeit, Arbeit, Erziehung„.
2025 wurde die Waldschule Mauls aufgrund fehlender Anmeldungen geschlossen. Offenbar war sein Engagement für die Waldschule auch politisch motiviert.
Mauls: Kein Einzelfall
Mayrhofer ist nicht die einzige problematische Personalie bei „Faunus“. In der Kindergartengruppe in Kematen arbeitet Eva Hofer aus dem Pustertal als Pädagogin.
Hofer tritt seit einigen Monaten als Sprecherin der „Jungen Aktion“ in Erscheinung. Ganz im Einklang mit Mayrhofer beklagt sie auf dem Social-Media-Kanal der Gruppe „Massenmigration“ und „überfremdete Schulen und Kindergärten“. Seit einem Jahr begleitet sie die Gruppe bei Ausflügen zu rechtesextremen Veranstaltungen in Wien und Dresden, ihr Social-Media-Profil zeigt ein Runenzeichen.
Eva Hofer: pädagogische Mitarbeiterin von Faunus und Sprecherin auf dem Social-Media-Kanal der „Jungen Aktion“ / Bild: faunus.it, instagram/jungeaktion
Faunus: „Alle Kinder willkommen“
Die Leitung von Faunus hat auf mehrere Anfragen nicht reagiert. Nach der Veröffentlichung der Recherche haben sich die Waldschule-Gründer:innen und die Faunus-Leitung zu Wort gemeldet. Dadurch konnte der Text an einigen Stellen korrigiert werden.
Faunus sieht in der Mitarbeit einer rechtsextremen Agiatorin im pädagogischen Team im Waldkindergarten Kematen keinen Widerspruch:
„Frau Hofer arbeitet für uns. Was die Rückmeldungen von Kolleginnen und Eltern sowie ihr Umgang mit diesen und den Kindern belegen, ist ihre Arbeitsweise im Sinne der Werte des Faunus: Inklusion, Wertschätzung, Miteinander, Umweltbewusstsein. Und diesem Motto getreu, waren und sind alle Kinder in unseren Waldkindergärten willkommen und erfahren eine chancengleiche Erziehung und Bildung, welche in und mit der Natur stattfinden.“ – Niklas Klinge, Faunus
Die fehlende Abgrenzung zeigt, wie weit die Normalisierung von Rechtsextremismus schon fortgeschritten ist. Pädagogische Fachkräfte haben eine wichtige Vorbildfunktion und prägen die Wertehaltung junger Menschen in sensiblen Entwicklungsphasen. Rechtsextreme Akteure nutzen diesen Raum oft subtil, um demokratiefeindliche, rassistische und ausgrenzende Rollenbilder zu normalisieren. Unsere Position ist klar: Rechtsextremismus und Rassismus raus aus Schulen und Kindergärten!
28. Februar 2026. Es war ein unvergesslicher Tag. Und wir haben gesehen: Wenn wir uns bewegen, sind wir stark. Über 5.000 Menschen haben in Bozen an der antifaschistischen Demo teilgenommen und gezeigt: Wir sind mehr. Danke an alle, die dabei waren! Gemeinsam haben wir ein starkes, sichtbares Zeichen gegen Faschismus gesetzt. Das war erst der Anfang! Organisieren wir uns, um Solidarität und Gerechtigkeit in Südtirol nach vorne zu bringen!
Ende Februar hat die neofaschistische Gruppierung CasaPound eine Großkundgebung in Bozen angekündigt. Damit will sie der menschenfeindlichen Forderungen nach sogenannter „Remigration“ Nachdruck verleihen. Zudem ist der Auftritt einer in der Szene bekannten Band geplant.
Hinter der Gruppe „Reconquista e Remigrazione“, die die Kundgebung veranstaltet, stehen neofaschistische Organisationen wie CasaPound, Forza Nuova, Veneto Fronte Skinheads und die Rete dei Patrioti. In Bozen ist vor allem CasaPound aktiv.
Für die Demonstration erwarten sich die Rechtsextremen bis zu 2.000 Personen. Es ist davon auszugehen, dass Neofaschisten aus ganz Italien organisiert anreisen – ähnlich wie bereits bei der CasaPound-Demonstration in Bozen im Jahr 2011.
Importierter Protest: Die letzte Großdemo von CasaPound in Bozen fand 2011 mit rund 1.500 Personen statt, der Großteil kam mit Bussen aus Norditalien / Quelle: sln.no
Ein rechtsextremes Konzert soll im Anschluss am Abend in der „Roccaforte“, dem Sitz der Bozner CasaPound, stattfinden. Auf der Bühne sollen mehrere einschlägig bekannte Bands aus dem Neonazi-Milieu stehen. Neben den Bozner Gruppen No Prisoner (mit Andrea Bonazza als Sänger) und Green Arrows tritt auch Still Burnin’ Youth auf.
Flyer: Rechtsextreme Demonstration und Neonazi-Konzert in Bozen. Quelle: Instagram
Als Headliner spielen A.D.L. 122, eine der bekanntesten Rechtsrockbands Italiens. Der Name steht für „Anti Decreto Legge 122“ und richtet sich offen gegen das italienische Antirassismusgesetz (Legge Mancino). Schon der Bandname macht deutlich, dass hier nicht Musik, sondern Ideologie verbreitet wird. Die Band bewegt sich im Umfeld der rechtsextremen Bonehead-Szene (u. a. durch Bezüge wie im Song „Skinhead 88“), der Ultrà-Szene und den Hammerskins, einem internationalen Neonazi-Netzwerk.
Still Burnin’ Youth und No Prisoner veröffentlichten bei Black Shirts Records, einem Bozner Label mit klaren Bezügen zu den faschistischen „Schwarzhemden“. Der Sänger von No Prisoner, Andrea Bonazza, trat im vergangenen Jahr als „Remigrations-Sprecher“ bei einem rechtsextremen Event in Nordspanien auf. Im Anschluss spielten No Prisoner, die befreundeten Bozner Green Arrows sowie ein DJ-Set von Bonazza als „DJ Bonny“ – eine ähnliche Konstellation, wie sie auch in Bozen geplant ist. Green Arrows bewegen spielen rechtsextremen Hardcore, haben schon auf Neonazikonzerten in ganz Europa gespielt und pflegen Verbindungen zu Casapound, Veneto Fronte Skinheads und Blood & Honour.
Unter dem Deckmantel von Subkultur werden politische Botschaften verbreitet, die Rassismus, Nationalismus und autoritäres Denken normalisieren. Solche Veranstaltungen dienen nicht nur der Unterhaltung, sondern der Vernetzung, Mobilisierung und Finanzierung rechtsextremer Strukturen. Personen aus dem Bozner Neonazi-Umfeld sind wiederholt durch Gewalt und Einschüchterung aufgefallen. Besonders schwer wiegt der Bezug der Szene zum Mord an Fabio Tomaselli, der bis heute als Mahnung für die reale Gefahr rechter Gewalt steht.
Dass dieses Konzert direkt im Anschluss an eine politische Großkundgebung stattfindet, zeigt die enge Verzahnung von neurechter Szene, Politik und neonazistischer Subkultur. In einem Beitrag auf Salto sehen wir, dass CasaPound-Mitglieder, die über die Lega in mehrere Stadtviertelräte gewählt wurden, regelmäßig die „Roccaforte“, den Bozner Sitz der Faschisten besuchen. Darunter der Bozner Stadtrat für Umwelt und Energie, Marco Caruso (Lega), der aus dem Umfeld der Bozner Neofaschisten kommt. Dieser unterstützt öffentlich die Initiative „Remigrazione e Riconquista“. Auch der Vizepräsident der Provinz, Marco Galateo, zeigt wenig Berührungsängste mit den “Faschisten des dritten Jahrtausends”.
Die Gruppe „Comitato Remigrazione e Riconquista“ nutzt eine Sprache, die Hass normalisiert, Ängste vor Migrant*innen und NGOs schürt und darauf abzielt, politischen Einfluss zu gewinnen. Begriffe wie „Reconquista“ dienen dabei als Kampfbegriffe für die Vorstellung einer angeblich verlorenen kulturellen oder ethnischen Vorherrschaft. In rechtsextremen Milieus wird „Remigration“ als Teil einer völkischen Utopie verstanden, die ein kulturell homogenes Europa propagiert – verbunden mit Zwangsrückführungen und Deportationen und damit klaren Menschenrechtsverletzungen.
Bozen wird an diesem Tag zum Treffpunkt der italienischen Neonazi-Musikszene – ein politisch und gesellschaftlich gefährliches Signal – und unterstreicht, warum antifaschistischer Widerspruch notwendig ist.
Bozen darf kein Ort sein, an dem rechte Weltbilder und menschenfeindliche Ideologien durch Musik und Events normalisiert werden.
Sie nennen sich „Aktverein Kaltern“ und betreiben zwei Social-Media-Kanäle. Dort inszenieren sie sich als Jugendgang – teilweise maskiert, mit Pyrotechnik und markigen Sprüchen. Was die Gruppe eint, ist die Lust an der Provokation und die Suche nach Aufmerksamkeit. Die Videos erreichen im Netz zum Teil hunderte Aufrufe.
Hitlergruß vor einem abmontierten Carabinierischild. Quelle: Instagram
Zur Kerngruppe gehören rund zehn Personen, etliche von ihnen sind noch minderjährig. Die meisten dürften noch bei ihren Eltern wohnen. Laut eigenen Angaben wurde die Gruppe 2024 gegründet.
Im August 2025 berichteten verschiedene Medien über eine gewalttätige Auseinandersetzung in Kaltern, ein Paar wurde vor einem Imbissstand attackiert. Die Angreifer: Mitglieder des Aktvereins. Die Jugendgruppe meldete sich daraufhin zu Wort und erklärte unter anderem:
„… die Berichterstattung über angeblich rechtsradikale Parolen ist unbegründet, da dafür keine Belege vorliegen und dies potenziell diffamierend ist.“
Inzwischen zeigt sich jedoch ein deutlich anderes Bild. Auf ihren Social-Media-Kanälen präsentiert sich die Gruppe offen mit nationalsozialistischen Grafiken, SS-Symbolik, einschlägigen Parolen sowie dem Hitlergruß. Auch gegenüber „der Antifa“ äußert die Gruppe massive Abneigung. Unter dem Slogan „Kaltern reinigen“ zerreißen in einem Video Mitglieder antifaschistische Sticker. In einem weiteren Video drohen sie mit „Wir kriegen euch alle!“.
Schließlich meldeten sie sich auch auf ihren Stories zum Olympia-Fackellauf in Kaltern zu Wort und schrieben: „Olympia Lauf in Kaltern? Besser wäre ein Lauf für Remigration!“ Daraufhin posteten sie ein weiteres Video in ihrer Story, in dem sie sich erneut offen mit Hitlergruß und faschistischer Symbolik an verschiedenen Orten zeigen. Darunter auch ein Video, das sie in einem Club zeigt, wo sie mit einer Aktverein-Fahne posieren.
„SS“-Anspielungen, Verbrennung des Stol-Logos. Quelle: Instagramkanal der Gruppe
Allgemein lässt sich aus ihren Instagram-Stories entnehmen, dass die Gruppe immer wieder an verschiedenen Orten in Kaltern und Bozen auftaucht. Ihre anderen Inhalte schwanken zwischen Clubbesuchen, exzessivem Alkoholkonsum und dem Posieren mit White-Power-Handzeichen.
Erst kürzlich demontierten und stahlen die Jugendlichen ein Straßenschild der Carabinieri in Kaltern und posierten anschließend davor mit dem Hitlergruß. Ein anderes Video zeigt, wie die Jugendgruppe von einem Balkon aus mit Feuerwerkskörpern auf Hühner schießt.
Auch mit der Polizei scheinen die Jugendlichen immer wieder in Kontakt zu geraten. Ein Video zeigt ein Mitglied, das in einem Polizeiauto der deutschen Polizei sitzt und filmt, ein weiteres zeigt offenbar die Flucht vor der Polizei auf einem E-Roller.
Keltenkreuz, Hitlergruß, Helm mit „Division Akt“ und dem Totenkopf-Abzeichen der 3. SS-Panzerdivision. Quelle: Instagramkanal der Gruppe
Auf dem privaten Profil der Gruppe finden sich zahlreiche Bilder, auf denen die Mitglieder der Gruppe zu erkennen sind. Die meisten Beteiligten der Gruppe sind Jugendliche und junge Erwachsene, die in Kaltern wohnen: D.B., E., J.G, E., M., N.P., S.M., T.K. um nur einige zu nennen. Unter ihnen befinden sich sowohl einige aus bekannteren Kalterer Familien als auch kurioserweise Personen mit „Migrationshintergrund“. Wie das mit der propagierten rechtsextremen „Remigration“ zusammenpasst, bleibt offen.
Besonders interessant ist, dass neben Aufklebern der Gruppe selbst oft auch in Videos Aufkleber des Fußball-Ultra-Vereins „Soliti Sospetti“ zu sehen sind. Darüber hinaus posieren einige Mitglieder mit Schals und Flaggen von Hellas Verona, einem bekannten Ultra-Verein mit einer klar rechtsextremen Haltung. Eine Vernetzung mit anderen rechtsextremen Gruppen in Südtirol scheint es momentan noch nicht zu geben.
Einschätzung: Im gesamten deutschsprachigen Raum entstehen neue Neonazigruppen, vor allem über TikTok und Telegram. Die Mitglieder sind meist sehr jung und männlich, ihre Feindbilder klar: migrantische Menschen, Linke und queere Personen. Auch wenn solche Gruppen wie in Kaltern derzeit oft noch wie eine „Puffkeilergruppe“ wirken, sprechen rechtsextreme Gesten und Symbole eine andere Sprache. Sie können sich rasch weiter radikalisieren und vernetzen – Kaltern könnte dafür ein fruchtbarer Boden sein.
Das Dorf hat eine längere Geschichte rechtsextremer Umtriebe: 2005 kam es im Raum Kaltern zu Festnahmen und Hausdurchsuchungen im Umfeld des „Südtiroler Kameradschaftsrings“ (SKR) um Armin Sölva, einer neonazistischen Gruppe. Parteien wie die JWA um Anderlan tragen mit xenophoben, queerfeindlichen und verschwörungsideologischen Botschaften zur weiteren Normalisierung und Radikalisierung bei.
Gerade in Kaltern darf nicht weggeschaut werden. Es gilt, Dinge beim Namen zu nennen, Haltung zu zeigen, Grenzen zu ziehen und Neonazismus klar zu widersprechen.
Der in rechtsextremen Kreisen verkehrende Stefan Rainer ist nicht mehr im Vorstand der Naturfreunde Jenbach (Tirol). Das ist erfreulich. Der Verband macht in der Angelegenheit jedoch keine gute Figur. Es fehlt nicht nur am Problembewusstsein.
Nachem im vergangenen Sommer Kritik am Kassier der Naturfreunde-Ortsgruppe Jenbach laut wurde, passierte zunächst recht wenig. Still und heimlich verschwand Rainers Name von der Webseite. Bei den – regulären – Vorstandswahlen im vergangenen November wurde der Mann nun nicht mehr wiedergewählt.
Eine öffentliche Stellungnahme von den Naturfreunden zu den Vorgängen gab es nicht. Auch die Verbandsleitung duckte sich weg. Dabei haben nicht nur die Tiroler Mitglieder ein Recht darauf zu erfahren, welche Schritte gesetzt wurden.
Es ist durchaus im öffentlichen Interesse, wie es sein kann, dass ein Mann mit offen rechtsextremer Gesinnung jahrelang in leitender Funktion für einen Freizeitverein mit sozialdemokratischen Wurzeln tätig sein konnte.
Kickls Hetze, der Rassismus der Identitären, die Lügen der Corona-Leugner: Aus seiner Einstellung machte Rainer nie einen Hehl, verbreitete die rechte Propaganda auch öffentlich. Und Jenbach ist nicht Wien: In dem 7.500-Einwohner-Dorf kennt man sich.
Die Reaktion der Naturfreunde macht daher umso mehr stutzig. Anstatt Position zu beziehen wird verschwiegen, vertuscht und verleumdet. Ortsgruppe, Landes- und Bundesleitung wurden vorab über den Fall informiert. Geantwortet hat bis heute niemand. Kritische Kommentare auf Instagram ließ der Verband löschen, der Bundes-Account bezeichnete das Aufdecken des Falles als „Hetze“ und „Diffamierung“.
Aufklärung ist „Hetze“. Bild: Screenshot Instagram
Dieser Umgang ist nicht nur unprofessionell. Er legt grundlegende Versäumnisse offen. Ein angemessenes Prolembewusstsein fehlt ebenso wie Strukturen, die in solchen Fällen greifen könnten. Weder existiert eine Meldestelle, noch verfügt der Verband über ein entsprechendes Fachreferat.
Nicht umsonst haben die Naturfreunde Deutschland (der Verband ist unabhängig vom österreichischen) mit „FARN“ eine interne Fachstelle für Radikalisierungsprävention eingerichtet, die sich u. a. mit rechtsextremer Unterwanderung im Naturschutz befasst.
Mit einem umfassenden Bildungs- und Beratungsangebot werden Funktionär:innen und Mitglieder für die historischen und aktuellen Verknüpfungen des Naturschutzes mit extrem rechten Ideologien sensibilisiert. Mit dem Fall Rainer konfrontiert, bedankte sich FARN für den Hinweis und versprach, im Rahmen seiner Möglichkeiten tätig zu werden.
Im österreichischen Naturfreunde-Verband fehlt eine solche Stelle. Es gibt ja keine Probleme. Und wenn doch, dann werden sie gelöscht.
FARN bedankte sich für den Hinweis. Foto: Screenshot Mastodon
Die Realität Unser Zusammenleben, man könnte auch meinen, unser Auseinanderleben, ist hauptsächlich durch zwei gesellschaftliche Systeme, zwei Realitäten, zwei andere Welten geprägt. Wir leben heute in einer Trennung, die viele für normal halten.
Kinder gehen in getrennte Kindergärten, später in getrennte Schulen. Sie lesen unterschiedliche Medien, sind in unterschiedlichen Vereinen, bewegen sich in unterschiedlichen kulturellen Öffentlichkeiten, Begegnung ist nicht selbstverständlich. Diese Trennung erzeugt früh getrennte Räume, in denen ein Miteinander nicht selbstverständlich ist.
Wo Menschen sich kaum begegnen, entsteht kein gemeinsames Verständnis. Vorurteile entstehen hier nicht, weil Menschen „von Natur aus“ feindlich wären, sondern weil soziale Beziehungen fehlen. Ein Zusammenleben entsteht nicht im Kopf, sondern im Alltag. Wenn dieser Alltag getrennt ist, dann bleibt auch das Denken getrennt. So entstehen Parallelgesellschaften. Nicht als moralisches Problem, sondern als strukturelles. Und wenn diese Beziehungen getrennt organisiert sind, verfestigen sich auch getrennte Bewusstseinsformen.
Das Problem ist also nicht, dass Menschen „zu verschieden“ wären. Das Problem ist, dass diese Verschiedenheit politisch und institutionell organisiert wird.
Bild: Protestkundgebung 1981 in Bozen gegen die Einführung des ethnischen Proporzes
Eine historisch produzierte Spaltung Diese Situation ist kein Naturzustand. Sie ist gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Südtirol Italien zugeschlagen. Unter dem Faschismus folgte eine gezielte Italianisierung: Industrie, Verwaltung und staatliche Jobs wurden im urbanen Raum angesiedelt und überwiegend italienischsprachig organisiert. Die deutschsprachige Bevölkerung blieb stärker in der Landwirtschaft, mit kleinen Besitzstrukturen außerhalb den Städte verankert.
So entstand eine soziale Spaltung, die als sprachlich sowie eine kulturelle wahrgenommen wurde. Unterschiedliche Lebensrealitäten wurden zu nationalen Gegensätzen erklärt, welche Deutsch und Italienisch grundsätzlich unterscheiden würden.
Gleichzeitig entwickelte sich auf der anderen Seite ein starker deutschsprachiger Nationalismus. Während des Zweiten Weltkriegs war Südtirol massiv von nationalsozialistischer Ideologie geprägt. Auch hier wurde Identität politisch aufgeladen und militarisiert.
Die Bombenjahre nach dem Krieg waren kein Schritt in Richtung Befreiung, sondern Ausdruck einer Politik, die soziale und politische Fragen durch nationale Symbolik ersetzte. Gewalt wurde zum Ersatz für reale Veränderung. Besonders die frühen Sabotageaktionen entsprangen aus Wut und Hilflosigkeit angesichts des Stillstands in der Südtirolfrage. In späteren Jahren kamen jedoch rechtsnationalistische Einflüsse sowie Waffen aus dem deutschsprachigen Ausland hinzu . Aspekte, die von der patriotischen Szene bis heute bewusst verdrängt werden.
Auf die Attentate reagierte der Staat mit einer umfassenden Militarisierung Südtirols durch Sicherheitskräfte und Geheimdienste, die auch in Folter und Morde involviert waren. Dass diese Phase dennoch bis heute verklärt wird, zeigt die Macht von Opfermythen: Sie verleihen politischen Sackgassen im Nachhinein Bedeutung.
Die Autonomie war nicht das Ergebnis eines „nationalen Befreiungskampfes“, sondern von Verhandlungen und politische Deals die auch im Zusammenhang mit anderen ungelösten Grenz und Minderheitenkonflikten standen, etwa in Friuli-Venezia Giulia (Triest). Sie brachte materielle Verbesserungen und rechtlichen Minderheitenschutz. Dass der italienische Staat der Autonomie zustimmte, war weniger Ausdruck politischer Einsicht als der Versuch, einen Konflikt zu entschärfen und beherrschbar zu machen. Autonomie wurde so zum Mittel der Befriedigung einer Grenze, nicht als Sieg eines “Volkes” über den anderen, sondern als bestimmter Schritt, um das Zusammenleben wieder möglich zu machen und Gewalt durch Politik zu ersetzen. Sie macht deutlich, dass nachhaltiger Frieden dort beginnt, wo Nationalismen zurücktreten und das gemeinsame Leben wichtiger wird als historische Siege.
Die Aktivistin Martha Root hat die rechtsextreme Dating-Plattform „WhiteDate“ live auf einem Kongress gehackt und gelöscht. Auf der Seite waren auch Personen aus Südtirol und Tirol aktiv.
„Single. Ich möchte Kinder. Politische Orientierung: Nationalsozialismus“ – Auf der von Deutschland aus betriebenen Dating-Plattform „WhiteDate“ trafen sich Rechtsextreme aus aller Welt. Im Sommer 2025 wurde die Seite gehackt.
Die Aktivistin Martha Root hielt darüber Ende Dezember im pinken Power-Ranger-Kostüm auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs einen Vortag. Am Ende löschte sie die Webseite. Die Mitgliederdaten machte sie auf okstupid.lol zugänglich.
Rund 8.000 Personen nutzten die Seite zur Vernetzung und zum Kennenlernen, davon über 50 aus Österreich und über 80 aus Italien.
Unter den Usern der Plattform sind auch Personen aus Südtirol und Tirol.
Als „Eguia“ und „Maxi“ waren laut Tageszeitung ein 38-jähriger Filmemacher und ein 45-jähriger Jäger aus Südtirol dort aktiv, zudem „Max“ (26) aus Sterzing und „Patrick“ (25) aus Bozen.
Aus Tirol waren „Georgius“ (46) aus Landeck, „Conor“ (27) aus Wörgl angemeldet, sowie aus Innsbruck „mountainmike“ (41), „gunnar81“ (43) und „Tirol_bleibt_treu“ (48).
Die Webseite ist (Stand 12.1.) immer noch unerreichbar.
Im letzten Jahr ist viel passiert. Die Beispiele zeigen: Wenn wir uns einbringen und organisieren sind wir stark und können die Rechten aufhalten. Für eine Praxis der Solidarität, gegen ihre Politik der Angst und Ausgrenzung.