Anfragen gehören zu den wichtigsten Kontrollinstrumenten, die Abgeordnete im Südtiroler Landtag haben. Mit einer Anfrage kann jedes Mitglied des Landtags die Landesregierung schriftlich um Auskunft zu einem konkreten Sachverhalt bitten – von Verwaltungsentscheidungen über Förderungen bis zu politischen Vorhaben. Zuständige Landesrät*innen oder die zuständigen Ämter der Südtiroler öffentlichen Verwaltung müssen die Fragen innerhalb der gesetzlich vorgegebenen Frist von 30 Tagen schriftlich beantworten, die Antworten werden veröffentlicht und sind damit für alle einsehbar. Das Instrument dient der Transparenz und der Kontrolle der Exekutive durch die Legislative, ein Grundpfeiler jeder parlamentarischen Demokratie.

Genau dieses Instrument nutzt der rechtsextreme Landtagsabgeordnete Jürgen Wirth Anderlan (Liste JWA) inzwischen in einem Ausmaß, das mit seriöser parlamentarischer Kontrolle wenig zu tun hat – und er ist sichtlich stolz darauf. In einem Blogbeitrag auf der Website seiner Liste vom 10. Februar 2026 bezeichnet er sich selbst als „fleißigsten Landesabgeordneten” und verweist auf 423 Anfragen allein in der ersten Hälfte der laufenden Legislaturperiode. Bemerkenswert daran: Anderlan ist der einzige Abgeordnete seiner Liste. Er stellt damit deutlich mehr Anfragen als ganze Fraktionen mit mehreren Mandataren.
Eine überlastete Verwaltung
Dass es sich dabei nicht um übertriebenen Fleiß, sondern um ein strukturelles Problem handelt, hat auch Landtagspräsident Arnold Schuler erkannt. Bereits im November 2025 kritisierte er öffentlich, dass die Arbeitsweise von Anderlan die öffentliche Verwaltung überlaste und in Teilen lahmlege. Zur Veranschaulichung reicht ein Beispiel: eine rund 150-seitige Anfrage zur Corona-Pandemie mit über 1.000 Einzelfragen. Ressourcen, die eigentlich der tatsächlichen Verwaltungsarbeit zugutekommen sollten, werden so gebunden, um Anfragen abzuarbeiten, deren Erkenntnisgewinn oft gegen null tendiert.
Anfragen als Hetzinstrument
Inhaltlich fallen viele der Anfragen Anderlans vor allem durch ihre Stoßrichtung auf. So versuchte er etwa, die Ebola-Ausbrüche in Afrika mit Migration nach Südtirol in Verbindung zu bringen – ein Versuch, Angst zu schüren, wo keine sachliche Grundlage besteht. In einer anderen Anfrage wollte er eine Zusammenarbeit vom steuerfinanzierten Jugendring mit „Antifa”-nahen Organisationen wie dem Feminist Bookclub aufdecken. Bezeichnend dabei ist, dass Anderlan sich vom Begriff „Antifa” regelrecht bedroht zu fühlen scheint – obwohl er als Landtagsabgeordneter nicht nur dem Autonomiestatut, sondern auch der italienischen Verfassung verpflichtet ist, die explizit antifaschistisch begründet ist. Seine Aufregung über das Wort ergibt damit schlicht keinen Sinn.
Andere Anfragen entlarven sich als reine Zeitverschwendung: Bei einer Anfrage zur Staatsbürgerschaft straffällig gewordener Personen verwies die Antwort schlicht auf öffentlich zugängliche ASTAT-Statistiken – Informationen, die Anderlan mit wenigen Klicks selbst hätte finden können. Auch die Anfrage, ob Bozen Solidale öffentliche Landesbeiträge erhalten habe und ob „die Organisation der Landesregierung bekannt sei”, suggeriert ohne jede Grundlage ein Problem, das schlicht nicht existiert.
Eine Liste linker Vereine
Besonders bedenklich ist eine Anfrage vom 30. Juli 2025, in der Anderlan verlangt, dass Mitglieder der Landesregierung eine etwaige Mitgliedschaft in bestimmten Vereinen offenlegen. Die Liste, die er dafür vorlegt, ist aufschlussreich: Man findet unter anderem Fridays for Future Südtirol, Bozen Solidale, Südtiroler Jugendring, Omas gegen rechts – Bozen, Antifa Meran(o), aber auch Centaurus (Arcigay Südtirol) und Alto Adige Pride Südtirol sowie die feministische Gruppe AfZack. Dazu kommen Kulturorte wie Ost West Club, Carambolage, Teatro Cristallo, Südwerk und Centro Trevi [von der Landesverwaltung finanziert und geführt, Anm. d. Verf.], Zeitungen wie FF, Salto und Barfuss, sowie katholisch geprägte Organisationen wie die Katholische Jungschar Südtirols und die Caritas Diözese Bozen-Brixen.












