Gewalt, Hass, SS-Symbole: Rechtsextreme Jugendgruppe in Kaltern

In Kaltern hat sich in den letzten Monaten eine Jugendgruppe formiert, die durch Sachbeschädigungen und rechtsextreme Gesten auffällt.

Recherche: Antifa Überetsch

Sie nennen sich „Aktverein Kaltern“ und betreiben zwei Social-Media-Kanäle. Dort inszenieren sie sich als Jugendgang – teilweise maskiert, mit Pyrotechnik und markigen Sprüchen. Was die Gruppe eint, ist die Lust an der Provokation und die Suche nach Aufmerksamkeit. Die Videos erreichen im Netz zum Teil hunderte Aufrufe.

Hitlergruß vor einem abmontierten Carabinierischild. Quelle: Instagram

Zur Kerngruppe gehören rund zehn Personen, etliche von ihnen sind noch minderjährig. Die meisten dürften noch bei ihren Eltern wohnen. Laut eigenen Angaben wurde die Gruppe 2024 gegründet. 

Im August 2025 berichteten verschiedene Medien über eine gewalttätige Auseinandersetzung in Kaltern, ein Paar wurde vor einem Imbissstand attackiert. Die Angreifer: Mitglieder des Aktvereins. Die Jugendgruppe meldete sich daraufhin zu Wort und erklärte unter anderem:

„… die Berichterstattung über angeblich rechtsradikale Parolen ist unbegründet, da dafür keine Belege vorliegen und dies potenziell diffamierend ist.“

Inzwischen zeigt sich jedoch ein deutlich anderes Bild. Auf ihren Social-Media-Kanälen präsentiert sich die Gruppe offen mit nationalsozialistischen Grafiken, SS-Symbolik, einschlägigen Parolen sowie dem Hitlergruß. Auch gegenüber „der Antifa“ äußert die Gruppe massive Abneigung. Unter dem Slogan „Kaltern reinigen“ zerreißen in einem Video Mitglieder antifaschistische Sticker. In einem weiteren Video drohen sie mit „Wir kriegen euch alle!“.

Schließlich meldeten sie sich auch auf ihren Stories zum Olympia-Fackellauf in Kaltern zu Wort und schrieben: „Olympia Lauf in Kaltern? Besser wäre ein Lauf für Remigration!“ Daraufhin posteten sie ein weiteres Video in ihrer Story, in dem sie sich erneut offen mit Hitlergruß und faschistischer Symbolik an verschiedenen Orten zeigen. Darunter auch ein Video, das sie in einem Club zeigt, wo sie mit einer Aktverein-Fahne posieren.

„SS“-Anspielungen, Verbrennung des Stol-Logos. Quelle: Instagramkanal der Gruppe

Allgemein lässt sich aus ihren Instagram-Stories entnehmen, dass die Gruppe immer wieder an verschiedenen Orten in Kaltern und Bozen auftaucht. Ihre anderen Inhalte schwanken zwischen Clubbesuchen, exzessivem Alkoholkonsum und dem Posieren mit White-Power-Handzeichen.

Erst kürzlich demontierten und stahlen die Jugendlichen ein Straßenschild der Carabinieri in Kaltern und posierten anschließend davor mit dem Hitlergruß. Ein anderes Video zeigt, wie die Jugendgruppe von einem Balkon aus mit Feuerwerkskörpern auf Hühner schießt.

Auch mit der Polizei scheinen die Jugendlichen immer wieder in Kontakt zu geraten. Ein Video zeigt ein Mitglied, das in einem Polizeiauto der deutschen Polizei sitzt und filmt, ein weiteres zeigt offenbar die Flucht vor der Polizei auf einem E-Roller.

Keltenkreuz, Hitlergruß, Helm mit „Division Akt“ und dem Totenkopf-Abzeichen der 3. SS-Panzerdivision. Quelle: Instagramkanal der Gruppe

Auf dem privaten Profil der Gruppe finden sich zahlreiche Bilder, auf denen die Mitglieder der Gruppe zu erkennen sind. Die meisten Beteiligten der Gruppe sind Jugendliche und junge Erwachsene, die in Kaltern wohnen: D.B., E., J.G, E., M., N.P., S.M., T.K. um nur einige zu nennen. Unter ihnen befinden sich sowohl einige aus bekannteren Kalterer Familien als auch kurioserweise Personen mit „Migrationshintergrund“. Wie das mit der propagierten rechtsextremen „Remigration“ zusammenpasst, bleibt offen.

Besonders interessant ist, dass neben Aufklebern der Gruppe selbst oft auch in Videos Aufkleber des Fußball-Ultra-Vereins „Soliti Sospetti“ zu sehen sind. Darüber hinaus posieren einige Mitglieder mit Schals und Flaggen von Hellas Verona, einem bekannten Ultra-Verein mit einer klar rechtsextremen Haltung. Eine Vernetzung mit anderen rechtsextremen Gruppen in Südtirol scheint es momentan noch nicht zu geben.

Einschätzung: Im gesamten deutschsprachigen Raum entstehen neue Neonazigruppen, vor allem über TikTok und Telegram. Die Mitglieder sind meist sehr jung und männlich, ihre Feindbilder klar: migrantische Menschen, Linke und queere Personen. Auch wenn solche Gruppen wie in Kaltern derzeit oft noch wie eine „Puffkeilergruppe“ wirken, sprechen rechtsextreme Gesten und Symbole eine andere Sprache. Sie können sich rasch weiter radikalisieren und vernetzen – Kaltern könnte dafür ein fruchtbarer Boden sein.

Das Dorf hat eine längere Geschichte rechtsextremer Umtriebe: 2005 kam es im Raum Kaltern zu Festnahmen und Hausdurchsuchungen im Umfeld des „Südtiroler Kameradschaftsrings“ (SKR) um Armin Sölva, einer neonazistischen Gruppe. Parteien wie die JWA um Anderlan tragen mit xenophoben, queerfeindlichen und verschwörungsideologischen Botschaften zur weiteren Normalisierung und Radikalisierung bei.

Gerade in Kaltern darf nicht weggeschaut werden. Es gilt, Dinge beim Namen zu nennen, Haltung zu zeigen, Grenzen zu ziehen und Neonazismus klar zu widersprechen.

Gewalttätiger Übergriff wegen „Hate Nazi“-Frisur

Am Wochenende kam es in Bozen in einer Bar zu einer rechtsextrem motivierten Gewalttat. Mehrere rund 40-jährige Rechtsextreme attackierten einen 15-jährigen Jugendlichen mit den Fäusten. Bemerkenswert: Die gerufene Polizei kam nicht.

Der Jugendliche berichtet, dass er am Samstag, den 20. September, auf einem Konzert in der Bikers Bar in der Industriezone gewesen ist. Er saß mit Freunden an einem Tisch, als ihn ein Mann wegen seiner Frisur zur Rede stellte. Auf dem Hinterkopf trug der 15‑Jährige die Aufschrift „HATE NAZIS“, um Stellung gegen Rechtsextremismus zu beziehen. Offenbar genügte das in Bozen, um zum Ziel von Gewalt zu werden. Nachdem der Mann gefragt hatte, „was so einer wie du hier macht“, wurde der Jugendliche gepackt, zu Boden gestoßen und von mehreren Männern ins Gesicht, auf den Kopf und den Rücken geschlagen. Einige Veranstalter stellten sich zwischen die Männer, sodass der Jugendliche sich in Sicherheit bringen konnte. Die Angreifer beschreibt er als etwa 40 Jahre alt.

„Ich habe sofort die Polizei gerufen und um eine Streife gebeten, weil ich mich nicht sicher fühlte und befürchtete, die Männer könnten erneut zuschlagen. Die Polizei erkundigte sich kurz nach meinem Befinden und riet mir, am nächsten Tag Anzeige zu erstatten. Niemand kam zum Tatort. Ich hatte mir Schutz vor Ort gewünscht.
Obwohl ich wusste, das auf dem Konzert Menschen mit anderer politischer Meinung sein konnten, fühlte ich mich anfangs nicht bedroht, weil Familien und viele junge Leute anwesend waren.
Am selben Tag wurde zudem an der Talferpromenade mein Fahrrad mit Hakenkreuzen beschmiert und ein Reifen mit einem Messer aufgeschlitzt.

Ich bin enttäuscht und besorgt. Es ist nicht akzeptabel, wegen meiner antifaschistischen Haltung um meine Sicherheit bangen zu müssen. Das wird mich jedoch nicht zum Schweigen bringen. Solche Vorfälle dürfen in Italien nicht mehr vorkommen.“

Faschistenführer als DJ

Dass die Bikers Bar mit rechtsextremen Umtrieben in Verbindung gebracht wird, ist seit längerem bekannt. Der Neofaschist und ehemalige Gemeinderatsabgeordnete Andrea Bonazza tritt unter dem Namen „DJ Bonny“ dort fast wöchentlich als DJ auf. Er spielt außerdem – mit DJ‑Sets oder mit seiner Band „No Prisoner“ – wiederholt auf Konzerten der rechten Szene im In‑ und Ausland.

Wie auf Instagram beworben, treffen sich auch Fans von Hockey Bolzano regelmäßig vor oder nach den Spielen in der Bar. Ein Teil dieser Fans stammt seit Langem aus dem Umfeld von CasaPound und der lokalen Neonazi‑Szene.

Bomberjacke gegen Kutte getauscht

Auf der Facebook oder Instagram-Seite der Bar zeigt sich, welches Publikum manche Veranstaltungen anziehen. Einige Neonazis, die in den 2000er‑Jahren im Burggrafenamt oder in Bozen aktiv waren, sind jetzt in Motorradclubs aktiv. Auf einem Bild (rechts) posiert ein Daniele P., ein Fascho aus Burgstall mit der Kutte des MC Löwen und einem Hakenkreuz‑Tattoo. Daneben (Links) ist Mirco C., ein Neonazi aus dem Raum Meran, zu sehen. Er nahm 2018 mit anderen Südtirolern am Neonazi‑Festival „Schild und Schwert“ in Ostritz teil. 

Motorradkutte und Hakenkreuz Tattoo – Gäste der Bikers Bar / Quelle Bikers_bar_bz Instagram


Ist den Verantwortlichen der Bar das egal, gleichgültig, oder ist man – wie so oft in Bozen – auf dem rechten Auge blind?