Zwischen Andrew Tate, starre Geschlechterrollen und Südtiroler Influencer
Ein Beitrag des Kollektivs „Sudtirolo Antifascista“

Mal eine andere Art von Beitrag: Heute möchten wir unsere Reflexion über die Folge „Der starke Mann? Rollenbilder im Wandel“ teilen, die am 4. August 2026 in der Sendung „Kontrovers“ auf Rai Südtirol ausgestrahlt wurde.
Zur Klarstellung vorab: Feministischer und antifaschistischer Kampf lassen sich nicht voneinander trennen – vor allem in einer Zeit, in der „Manosphere“-ähnliche Influencer mit homophoben und misogynen Aussagen von sich reden machen und rassistischen Politikern wie Sven Knoll nahestehen.
Worum ging es?
In dieser Folge der Sendung „Kontrovers” diskutiert Moderatorin Maddalena Quaia mit Christof Fauster, dem Initiator der Kampagne „Vater – Kind – gewinnt”, der aktive Vaterschaft in Südtirol sichtbar machen will, und mit Andreas Augschöll, der als Mou im Netz ein traditionelleres Bild von Männlichkeit vertritt.
Mou unterhält zehntausende Follower*innen, schneidet in seinen Videos gerne Speck auf, kauft Bier in Lederhosen und präsentiert seinen trainierten Oberkörper vor schnellen Sportwagen. Seine Meinung zu Rollenbildern zusammengefasst: „Der typische Südtiroler Mann, ist das Oberhaupt der Familie, ein starker Mann – der schaut, dass die Familie läuft, finanziell und auch sonst.“
In diesem Post möchten wir ausgewählte Aussagen von Mou zu toxischer Männlichkeit und sogenannten traditionellen Geschlechterrollen, sowie einige Kommentare zum Thema, kritisch einordnen und mit feministischer Theorie deuten.
Verharmlosung von Andrew Tate?
In der Sendung wird Andrew Tate als „dominant, erfolgreich und unfehlbar“ charakterisiert, eine Beschreibung, die unserer Meinung nach den kriminellen Lebenslauf der Tate Brüder verharmlost. Andrew und Tristan Tates ursprüngliches Geschäftsmodell (vor „Hustlers University“, später „The Real World“, eine Plattform, die kostenpflichtigen Kurse anbietet und als Schneeballsystem kritisiert wird und Tates Reichweite mit der massiven Teilung von ihren Videos gesteigert hat) basierte auf dem „Loverboy“-Prinzip in Kombination mit Webcam-Studios.
Andrew und sein Bruder betrieben Webcam-Studios, in denen Frauen vor der Kamera gegen Bezahlung durch Kunden auftraten. Um Frauen zu rekrutieren, nutzten sie die sogenannte „Loverboy-Methode”. Sie bauten dabei gezielt romantische Beziehungen zu oft finanziell oder emotional vulnerablen Frauen auf, gaukelten Liebe und eine gemeinsame Zukunft vor, um sie emotional abhängig zu machen. War die Bindung hergestellt, wurden die Frauen überredet oder unter Druck gesetzt, für sie im Webcam-Geschäft zu arbeiten; der Großteil der Einnahmen ging an Tate.
Aufgrund dieser Handlungen und dieses „Geschäftsmodells“, wird ihnen sexueller Missbrauch, Vergewaltigung, Menschenhandel zum Zweck sexueller Ausbeutung, extreme Pornografie und unanständige Darstellungen von Kindern vorgeworfen. Fans glauben fest an deren Unschuld.
Wegen dieser schweren Vorwürfe wurden die Brüder bereits 2022 und 2024 in Rumänien inhaftiert, nach deren Ausreise 2025 in die USA wurden sie im Juli 2026 nochmals verhaftet, und sollten nach Großbritannien ausgeliefert werden. Zurzeit befinden sie sich im Gefängnis in Miami.


Ein Südtiroler „Tate“?
Emil Kola, ein junger Influencer mit albanischen Wurzeln, war nach einem Treffen mit Sven Knoll überrascht, wie „nett der eigentlich ist“. Dass Knoll ihn (wenn er die Macht hätte) höchstwahrscheinlich schnell abschieben würde, ist ein anderes Thema. Man könnte ihm auch vorwerfen, dass er sich von Knoll instrumentalisieren ließ. Genau dieser profitiert von seiner Reichweite und hat im besten Fall bei den nächsten Wahlen ein paar junge Wähler (das Gendern lassen wir hier bewusst weg) mehr.
Damit nicht genug: Auch er zeichnet das Bild eines starken Mannes, ganz im Stil von Andrew Tate mit einer guten Portion von Queer- und Homophobie und Sexismus.
Beispiele: „Gaming ist schwul und gefällt den Frauen nicht! Trainier doch lieber deinen Körper oder spiel Fußball!“, erklärt er seinem siebenjährigen Cousin. Auch Tipps für das erste Date hat er für Männer: „Kaffee trinken reicht fürs erste Date vollkommen aus. Nur bitte keinen „matcha gay strawberry“ sondern „einen männlichen Espresso! Am besten doppelt und ohne Zucker!“.
In einer „Story“ auf seinem Instagram-Profil teilte er einen Ausschnitt der Sendung von Rai Südtirol und beschrieb Mous Gesprächspartner, Christof Fauster, als „der größte Beta Male Südtirols“. Damit ist in der Popkultur einen Mann gemeint, der im Gegensatz zum vermeintlichen dominanten „Alpha-Mann“ als eher untergeordnet, angepasst, rücksichtsvoll oder weniger durchsetzungsfähig gilt.
In den Kommentaren unseres Posts ließ noch ein Südtiroler Influencer, Daniel Lintner, der zusammen mit Emil Kola das Treffen mit Knoll beigewohnt hat, von sich hören: „südtirols andrew tate sig i als kompliment“ und bezieht sich in einem weiteren Kommentar auf seine Mutter, denn sie „findet in tate a cool“.

Lintner wurde vor allem „bekannt“ wegen eines Videos, das er am 11. April 2026 veröffentlichte, in dem er behauptet, dass „wenn es mit der Typa seid Jungs, donn miasst olm es fohren, weil es seid der Monn […] es miasst die Beziehung führen“ und macht sich über ein unbekanntes Paar lustig, denn „sie hot die Hosn un“. Laut ihm soll der Mann „Monn sein, du musch es Ruder übernehmen, du musch es Steuer übernehmen. Du musch sie durch dor Welt leaden [führen], sia muss passenger princess [Beifahrerin] sein“ und macht die Botschaft noch mal in der Beschreibung deutlich: „du musst sie leiten“.
Schnell werden Parallelen zu berüchtigten Aussagen von Andrew Tate ausfindig gemacht:
- “The key to understanding women is to realize they’re driven by emotions, not logic.” [Der Schlüssel zum Verständnis von Frauen besteht darin zu erkennen, dass sie von Emotionen und nicht von Logik geleitet werden.]
- “Women need to be led. They crave a strong, dominant man to guide them.” [Frauen müssen geführt werden. Sie sehnen sich nach einem starken, dominanten Mann, der ihnen den Weg weist.]
- “Women need to be protected from their own irrational impulses. They require guidance and discipline from men to keep them in line.” [Frauen müssen vor ihren eigenen irrationalen Impulsen geschützt werden. Sie brauchen Führung und Disziplin durch Männer, damit sie auf dem richtigen Weg bleiben.]
Biologischer Determinismus
Zurück zu Mou. In der Sendung begründet er die klassische Rollenverteilung damit, die Natur habe das „so vorgegeben, biologisch”: Weil die Frau bei Schwangerschaft/Geburt nicht arbeiten könne, solle der Mann sich ums Finanzielle kümmern.
Sein Argument folgt einem klassischen Muster, das Simone de Beauvoir in „Das andere Geschlecht“ schon dekonstruiert hat: die Verwechslung von biologischer Reproduktionsfunktion mit sozialer Rollenzuweisung. Dass eine Frau während Schwangerschaft/Wochenbett zeitweise nicht arbeiten kann, begründet keineswegs, dass der Mann dauerhaft die Ernährer-Rolle übernehmen „muss” – das ist ein non sequitur, der eine temporäre biologische Tatsache in eine permanente soziale Arbeitsteilung übersetzt. Judith Butlers Konzept von Gender als performativ (also nicht natürlich gegeben) widerspricht genau dieser Logik: Rollen werden wiederholt hergestellt, nicht von Natur aus vorgegeben.
Verdeckter Sexismus
Weiter erklärt Mou, das klassische Rollenbild sei nur dann „angebracht”, wenn die Frau „beschließt, ihr Leben lang Mutter zu sein”. Die Rollenteilung wird also an eine bestimmte Lebensentscheidung der Frau geknüpft, nicht als gemeinsam verhandelbar gedacht.
Die Aussage, das klassische Modell passe nur, wenn die Frau lebenslange Mutterschaft „wählt”, klingt zunächst wie Respekt vor weiblicher Selbstbestimmung. Aus feministischer Sicht ist das aber trügerisch, denn die vermeintliche „Wahl” findet in einem Kontext struktureller Zwänge statt (beispielsweise Lohngefälle, fehlende Kinderbetreuung, nur 10 Tage Vaterschaftsurlaub; das wird im Gespräch selbst erwähnt).
Wenn die Rahmenbedingungen die „freie Wahl” der Frau in Richtung Mutterrolle kanalisieren, ist von echter Wahlfreiheit kaum zu sprechen. Das deckt sich mit materialistisch-feministischen Ansätzen (z. B. Friedrich Engels, später Silvia Federici), die zeigen, wie ökonomische Strukturen geschlechtliche Arbeitsteilung erzwingen, obwohl sie als individuelle Präferenz erscheint.
Mou hat unseren Post auf Instagram mit einem GIF kommentiert, das Lenny, eine Figur aus der Serie „Die Simpsons“ und der Schrift „interesting“ [interessant] darstellt. Inzwischen hat er seinen Kommentar, der innerhalb von 24 Stunden genau null „likes“ bekommen hatte, gelöscht (siehe oben: Instagram-Screenshots).
Fels in der Brandung?
Im Einspieler beschreibt die Inhaberin von einer Dating-Agentur, dass ein sensibler Mann von einer Frau abgelehnt werde, weil sie sich „an starker Mann an der Seite” wünsche, der Sicherheit biete.
Die Beschützer-Erwartung entspricht exakt dem, was Glick und Fiske in ihrer „Ambivalent Sexism Theory“ als „benevolenten Sexismus” beschreiben. Einschränkende Vorstellungen – wie beispielsweise die Frau als schutzbedürftig, der Mann als Beschützer – stabilisieren und normalisieren die reale Ungleichheit, weil sie Abhängigkeit als Idealzustand romantisieren. Dies zeigt auch, dass gegen Sexismus zu kämpfen Alle betrifft, weil alle Geschlechter davon betroffen sind – und eben nicht nur männlich gelesene Personen sexistische Ideen vertreten.
Ein MMA-Kämpfer der im Internet offen zur Gewalt aufruft?!
Auf dem Instagram-Profil von Rai Südtirol findet frau unter dem Beitrag zur Sendung einen Kommentar von Raphael Federico: „A Storkor Monn isch a guetor Monn. Stork hoest dass man seine Familie vorteidigen konn, und dass man schaug sie finanziell ozusichern.“
Wer ist dieser MMA-Kämpfer, der im Internet offen zur Gewalt aufruft? Nein, die Rede ist nicht von Andrew Tate, aber wir haben noch einen Südtiroler Andrew sozusagen in Raphael Federico gefunden. Er kommentiert regelmäßig die Beiträge anderer Influencer, so steht zum Beispiel unter einem Video von Emil Kola, in dem es um einen Fahrraddiebstahl geht: „Kameras helfn ah net viel, orntlich drschlogn wennman de sig, und sel zu normalisiern“ (siehe oben: Instagram-Screenshots).
Ob sich diese Aussage mit dem Verhaltenskodex seines Arbeitgebers, der Oktagon Liga, vereinbaren lässt, wäre auf jeden Fall spannend zu erfahren. Interessant ist auch, dass er in seinem Kommentar unter dem Video von Rai Südtirol behauptet, „Stork hoest ah, dass man seine, vor ollem negative, Emotionen unter Kontrolle hot.“ Dazu könnte frau anmerken, dass ein Aufruf zum Verprügeln von Dieben nicht wirklich ein Zeichen emotionaler Kontrolle ist…
Auch Raphael Federico hat unseren Post kommentiert, und zwar mit einem GIF von Andrew Tate selbst; ein weiteres Beispiel der Verharmlosung dieses Kriminellen (siehe oben: Instagram-Screenshots).
Der starke Mann?
„Stärke” wird mit traditionellen Männlichkeitsidealen gleichgesetzt: Ernährer, Beschützer und emotional kontrolliert. Genau diese Rollenbilder kritisiert der Feminismus; nicht, weil Versorgung oder Verantwortung schlecht wären, sondern weil sie an ein Geschlecht gebunden werden.
Feministische Theorie (z.B. Silvia Federici oder Nancy Fraser) zeigt jedoch, dass dieses Modell nur funktioniert, weil Frauen den Großteil der unbezahlten Care- und Hausarbeit leisteten. Der männliche Ernährer war nie alleiniger Leistungsträger, denn seine Erwerbsarbeit wurde durch die unsichtbare Arbeit von Frauen überhaupt erst ermöglicht.
Zudem wird ein falsches „Entweder-Oder“ konstruiert: Entweder Männer schützen und verdienen Geld oder niemand übernimmt Verantwortung. Feminismus fordert etwas anderes: Verantwortung, Fürsorge, finanzielle Absicherung und emotionale Kompetenz sollen von allen Geschlechtern getragen werden, oder zumindest komplett fair aufgeteilt werden.
Auch die Aussage, ein Mann müsse seine Emotionen kontrollieren, während Emotionalität als Schwäche (und etwas „Weibliches“) dargestellt wird, reproduziert Sexismus und hegemoniale Männlichkeit (vgl. R. W. Connell). Studien zeigen vielmehr, dass starre Männlichkeitsnormen Männern selbst schaden, z.B. sie erschweren Hilfesuche, erhöhen psychischen Druck (vgl. „male loneliness epidemic”) und fördern die Abwertung von Fürsorge und Verletzlichkeit, wie auch in der Sendung besprochen wurde. Schließlich wird damit suggeriert, in Krisen müsse der Mann automatisch der Beschützer sein. Das ist keine biologische Notwendigkeit, sondern eine kulturell gewachsene Geschlechternorm. Feminismus stellt diese Rollenzuschreibungen infrage, weil sie sowohl Frauen als auch Männer in starre Erwartungen zwingen.
Nochmals: Dieses Problem betrifft Alle*!
Fazit
Nun, was wird jungen Männern hier suggeriert?
- Stark sein bedeutet hier nichts anderes, als keine Gefühle zuzulassen.
- Stark sein bedeutet in dieser Welt nichts anderes, als eine erfolgreiche Karriere zu haben und möglichst viel Geld nach Hause zu bringen.
- Stark sein bedeutet hier, Kontrolle über Frauen zu haben.
Was in diesen toxisch-patriarchalen Strukturen passiert, haben wir in den letzten Jahrzehnten deutlich gespürt. Beispielsweise sind 93,9% der Häftlinge Männer; sind 81,1% der Opfer häuslicher Gewalt Frauen und wurden 75,7 % der Suizide von Männern begangen. (Statistiken: Deutschland 2019 (aus dem Buch „Was Männer kosten“ von Boris von Heesen).
Dieses Bild des perfekten Mannes baut bereits in jungen Jahren enormen Druck auf. Die Angst, diesem Ideal nicht zu entsprechen, führt zu Depressionen, Suizid und Gewaltbereitschaft bei Männern!
- Stark sein bedeutet, Gefühle zu zeigen – nicht sie zu unterdrücken.
- Stark sein bedeutet, mit anderen Menschen über Gefühle zu sprechen.
- Stark sein bedeutet, sich Hilfe zu holen; nicht alles herunterzuschlucken, bis man nicht mehr kann.
Deshalb: Schluss mit Influencer*innen, die mit patriarchalen Strukturen enormen Druck auf junge Männer aufbauen und gleichzeitig Frauen und FLINTA*-Personen unterdrücken!