Für ein ungeteiltes Südtirol – Gastkommentar

Ein Gastkommentar von der Gruppe Alpe Libera

Die wahre Grenze verläuft zwischen oben und unten

Die Realität
Unser Zusammenleben, man könnte auch meinen, unser Auseinanderleben, ist hauptsächlich durch zwei gesellschaftliche Systeme, zwei Realitäten, zwei andere Welten geprägt. Wir leben heute in einer Trennung, die viele für normal halten.

Kinder gehen in getrennte Kindergärten, später in getrennte Schulen. Sie lesen unterschiedliche Medien, sind in unterschiedlichen Vereinen, bewegen sich in unterschiedlichen kulturellen Öffentlichkeiten, Begegnung ist nicht selbstverständlich. Diese Trennung erzeugt früh getrennte Räume, in denen ein Miteinander nicht selbstverständlich ist.

Wo Menschen sich kaum begegnen, entsteht kein gemeinsames Verständnis. Vorurteile entstehen hier nicht, weil Menschen „von Natur aus“ feindlich wären, sondern weil soziale Beziehungen fehlen.
Ein Zusammenleben entsteht nicht im Kopf, sondern im Alltag. Wenn dieser Alltag getrennt ist, dann bleibt auch das Denken getrennt. So entstehen Parallelgesellschaften. Nicht als moralisches Problem, sondern als strukturelles. Und wenn diese Beziehungen getrennt organisiert sind, verfestigen sich auch getrennte Bewusstseinsformen.

Das Problem ist also nicht, dass Menschen „zu verschieden“ wären. Das Problem ist, dass diese Verschiedenheit politisch und institutionell organisiert wird.

Bild: Protestkundgebung 1981 in Bozen gegen die Einführung des ethnischen Proporzes

Eine historisch produzierte Spaltung
Diese Situation ist kein Naturzustand. Sie ist gemacht. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Südtirol Italien zugeschlagen. Unter dem Faschismus folgte eine gezielte Italianisierung: Industrie, Verwaltung und staatliche Jobs wurden im urbanen Raum angesiedelt und überwiegend italienischsprachig organisiert. Die deutschsprachige Bevölkerung blieb stärker in der Landwirtschaft, mit kleinen Besitzstrukturen außerhalb den Städte verankert.

So entstand eine soziale Spaltung, die als sprachlich sowie eine kulturelle wahrgenommen wurde. Unterschiedliche Lebensrealitäten wurden zu nationalen Gegensätzen erklärt, welche Deutsch und Italienisch grundsätzlich unterscheiden würden.

Gleichzeitig entwickelte sich auf der anderen Seite ein starker deutschsprachiger Nationalismus. Während des Zweiten Weltkriegs war Südtirol massiv von nationalsozialistischer Ideologie geprägt. Auch hier wurde Identität politisch aufgeladen und militarisiert.

Die Bombenjahre nach dem Krieg waren kein Schritt in Richtung Befreiung, sondern Ausdruck einer Politik, die soziale und politische Fragen durch nationale Symbolik ersetzte. Gewalt wurde zum Ersatz für reale Veränderung. Besonders die frühen Sabotageaktionen entsprangen aus Wut und Hilflosigkeit angesichts des Stillstands in der Südtirolfrage. In späteren Jahren kamen jedoch rechtsnationalistische Einflüsse sowie Waffen aus dem deutschsprachigen Ausland hinzu . Aspekte, die von der patriotischen Szene bis heute bewusst verdrängt werden.

Auf die Attentate reagierte der Staat mit einer umfassenden Militarisierung Südtirols durch Sicherheitskräfte und Geheimdienste, die auch in Folter und Morde involviert waren. Dass diese Phase dennoch bis heute verklärt wird, zeigt die Macht von Opfermythen: Sie verleihen politischen Sackgassen im Nachhinein Bedeutung.

Die Autonomie war nicht das Ergebnis eines „nationalen Befreiungskampfes“, sondern von Verhandlungen und politische Deals die auch im Zusammenhang mit anderen ungelösten Grenz und Minderheitenkonflikten standen, etwa in Friuli-Venezia Giulia (Triest). Sie brachte materielle Verbesserungen und rechtlichen Minderheitenschutz. Dass der italienische Staat der Autonomie zustimmte, war weniger Ausdruck politischer Einsicht als der Versuch, einen Konflikt zu entschärfen und beherrschbar zu machen. Autonomie wurde so zum Mittel der Befriedigung einer Grenze, nicht als Sieg eines “Volkes” über den anderen, sondern als bestimmter Schritt, um das Zusammenleben wieder möglich zu machen und Gewalt durch Politik zu ersetzen. Sie macht deutlich, dass nachhaltiger Frieden dort beginnt, wo Nationalismen zurücktreten und das gemeinsame Leben wichtiger wird als historische Siege.

„Wo die ethnische Zugehörigkeit alles erklärt, wird nichts mehr erklärt.“

Proporz: Schutz oder Stillstand?
Die Autonomie kam nicht durch Bomben, sondern durch Verhandlungen. Sie brachte Stabilität und Minderheitenschutz. Sie beendete eine starke Unterdrückung. Dieser Schutz war notwendig und blieb wichtig.

Doch Schutz kann auch Stillstand werden. Nicht weil er falsch ist, sondern weil er so organisiert ist, dass Konflikte ruhig bleiben. Steigende Mieten, unsichere Arbeit und wachsende Ungleichheit haben ökonomische Ursachen. Trotzdem werden sie selten gemeinsam diskutiert. Wenn Öffentlichkeit und Politik entlang von Sprachgruppen organisiert sind, werden Probleme getrennt besprochen und Debatten laufen parallel. Südtirol ist eine traumatisierte Gesellschaft. Jahrzehnte von Unterdrückung, Gewalt und Angst wirken nach. Das Bedürfnis nach Sicherheit ist groß, Konflikte sollen vermieden werden. Das erklärt, warum Schutz hier einen so hohen Stellenwert hat.

Oft heißt es, es werde doch gemeinsam geredet. Im Landtag wird deutsch und italienisch gesprochen. Formell stimmt das. Sozial geht es nicht aus. Gemeinsam diskutieren heißt nicht, alles zu übersetzen, sondern Probleme als gemeinsame Probleme zu erkennen und gemeinsam Druck aufzubauen. Genau das passiert zu selten. So wird Konflikt verwaltet statt ausgetragen. Stabilität wird gesichert, während sozialer Fortschritt ausbleibt. Identität steht im Mittelpunkt, nicht weil sie Probleme verursacht, sondern weil sie leichter zu ordnen ist als soziale Ungleichheit. Nicht der Proporz macht arm oder verdrängt aus Wohnungen. Aber er hält soziale Konflikte in getrennten Bahnen.

Schutz oder Stillstand ist deshalb keine theoretische Frage. Es geht darum, ob Autonomie nur absichert oder auch Bewegung zulässt. Schutz soll nicht spalten. Er muss Menschen zusammenbringen, die dieselben Probleme haben, damit sie gemeinsam laut werden und gemeinsam etwas durchsetzen können.

Eliten unter sich
Die Stabilität Südtirols ist keine Harmonie von unten. Sie ist ein Kompromiss von oben. Wirtschaftliche Eliten der deutschsprachigen Gruppe und institutionell abgesicherte Eliten der italienischsprachigen Gruppe profitieren beide von Ruhe und Standortlogik. Tourismus, Immobilien, Export, das funktioniert am besten ohne soziale Unruhe. Südtirols B.I.P. ist eines der höchsten in Europa, und trotzdem fliehen so viele junge Menschen ins Ausland.

Die einzige Wahrheit ist die Rechnung, welche andere zahlen: Beschäftigte im Tourismus, Pflegekräfte, prekär Arbeitende, junge Menschen ohne Aussicht auf leistbares Wohnen. Diese Probleme betreffen alle, unabhängig von der Sprache. Aber sie werden selten gemeinsam politisch gemacht. Getrennte Gesellschaft heißt auch: getrennte Kämpfe. Und das ist für die Mächtigen ein Vorteil. Wenn soziale Ungleichheit ständig als Sprachgruppen Frage erklärt wird, bleibt die eigentliche Ursache unsichtbar. Südtirol ist das klassische Beispiel von „divide et impera”.

Italienisch sowie deutschsprachige Wirtschaftsbosse und Funktionäre haben kein vertieftes Interesse an einer Aufhebung dieser Trennung, da die Trennung das Konfliktpotential von unten schwächt. Höchstens werden einige Kompromisse eingegangen, wobei dieser in den meisten Fällen unsere Notwendigkeiten missbraucht, um sozialen Konsens zu erreichen. Es ist sogar das Gegenteil wahr: Unser Leid ist für deren Profite ein Standortvorteil. Ihr Interesse ist die Stabilität, aber nicht unsere Stabilität, sondern die wirtschaftliche Stabilität. Lediglich durch Brotkrümel soll unser Hunger nach Gleichheit befriedigen und ihnen den nötigen sozialen Konsens schaffen, um alles so weitergehen zu lassen, wie es bis jetzt war.

Warum sich nichts bewegt
Solange Politik vor allem Identitäten verwaltet, bleibt echte Veränderung blockiert. Parteien mobilisieren Zugehörigkeit statt gemeinsame Interessen. Gewerkschaftliche und soziale Kämpfe über Sprachgrenzen hinweg bleiben schwach, nicht zufällig, sondern systematisch.

Ein Beispiel dafür ist Alexander Langer. Er versuchte früh, genau diese Logik zu durchbrechen. Er dachte über Politik jenseits von nationalen Lagern, verband soziale, ökologische und friedenspolitische Fragen. Dass Langer international Anerkennung fand, lokal aber blockiert blieb, zeigt: Diese Gesellschaft toleriert Kritik nur, solange sie die gezielte Teilung nicht berührt. Gerade deshalb wurde alles mögliche getan, um ihn (zumindest in Südtirol) klein zu halten. Er passte in keinen Proporz, ließ sich nicht einordnen und stellte die falschen Fragen. Seine Geschichte zeigt: Diese Ordnung wird aktiv verteidigt, sobald sie in Frage gestellt wird.


Eine linke Perspektive
Wer heute in Südtirol wenig verdient, zu viel Miete zahlt, befristet arbeitet oder mehrere Jobs braucht, hat keine „Sprachgruppen Frage“. Er hat ein materielles Problem. Dass dieses Problem politisch kaum gemeinsam angeschaut wird, ist Teil der Ordnung.

Ein anderes Südtirol entsteht nicht durch neue Identitätsformeln oder bessere Verwaltung der Spaltung. Es entsteht dort, wo Menschen beginnen, ihre Interessen selbst in die Hand zu nehmen, über Sprachgrenzen hinweg, gegen eine Ordnung, die Ruhe über Gerechtigkeit stellt. Für eine Ordnung, in der das Miteinander mehr Wert hat, als das Gegeneinander.

Nachwirkende Gewalt und Angst entsprangen damals aus den menschenfeindlichen Schlüssen des Faschismus und Nationalsozialismus. Südtirol überwältigte dieses Trauma mit der Autonomie Frage, nun sind wir aber am Punkt wo wir aus dieser Vergangenheit lernen können, um klar gegen Nationalismus und das System welches damit beschützt wird vorzugehen und die Spaltung zu brechen, um gemeinsam voranschreiten.

Wer das ändern will, muss den Konflikt dort führen, wo er tatsächlich liegt: zwischen oben und unten, nicht zwischen „wir“ und „sie“.

Text von Alpe Libera